Es war mir schon lange ein Wunsch, möglichst alle Ex-Werkscapri der verschiedenen Rennsaisons aufzusuchen und dieses Flair der damaligen Zeiten zu erleben. Jedes dieser Fahrzeuge strahlt etwas anderes aus, dem damaligen Zeitgeist und dem Stand der jeweiligen Technik/ Entwicklung und der in diesen Jahren gültigen Sportgesetze entsprechend.
Durch ein Gespräch mit unserem CCD-Mitglied Georg Klughardt erfuhr ich von Eckhart Kern, dem Besitzer eines 1970er Ex-Werkscapri. Da es zu der Zeit noch kein Homologationsmodell Capri RS 2600 gab, wurde der Kölner Werks-Motorsport noch mit dem Capri 2300 GT in verschiedenen Variationen durchgeführt. Dieses habe ich in einem Bericht in einer vorherigen Capri aktuell bereits kurz erläutert.
Der 1970er Werkscapri hatte in dieser Motorsportsaison bereits die ersten richtigen Kotflügelverbreiterungen und breite dreiteilige Rennfelgen (BBS- Felgen) im Gegensatz zum 1969er Modell, das noch sehr „schmalbrüstig“ im Einsatz war. Es wurden Kotflügelverbreiterungen in mehreren Breiten aus Stahl und GFK eingesetzt. Dieses ist auf früheren Fotos zu erkennen.
Die 71er und 72er Rennmodelle hatten dann die allseits bekannten und im RS-Programm vertriebenen großen einheitlichen Verbreiterungen, Hauben und Türen (Wespentaillenform, Hersteller BBS).
Zwei Motorvarianten
In der Saison 1970 gab es zwei Motorvarianten des 2,3 Liter V6. Ein aufgebohrtes 2,4 Liter Triebwerk und ein 2,6 Liter Triebwerk (nach Ford Informationsdienst). Sowohl Capri mit Turbolader im Prototypeinsatz und ohne Turbolader.
Leider gibt es für die Saison 1970 relativ wenig „offizielles“ Informationsmaterial und nur noch wenige Zeitzeugen. Zum Beispiel Gert Brauneiser.
Er gab mir mehrere Hinweise und lieferte mir einiges an Hintergrundwissen. Auch erhielt ich viele Informationen (Auflistungen von Renneinsätzen in 1970) von Lukas Loosli. Ihnen allen vielen Dank dafür. Sollte noch jemand weitere Informationen für mich haben, bitte ich um Rückmeldung an mich. Meine Kontaktdaten befinden sich in der Mitgliederliste.
Bei dem Fahrzeug von Eckhart Kern handelt es sich um einen Capri mit dem auf 2,4 Liter aufgebohrten V6 mit circa 230 PS. Dieser Motor hat Weslake Alu-Zylinderköpfe mit Trockensumpfschmierung und eine Kugelfischer-Einspritzanlage. Auch wurde der Capri mit Leichtbauteilen (Türen, Hauben) ausgerüstet, die sich heute noch am Fahrzeug befinden.
Glemser, Mohr, Werner
Gefahren wurde dieser Capri nach Eckhart Kerns Recherchen von Dieter Glemser, Manfred Mohr und Hannelore Werner. Selbst Michael „Mike“ Kranefuß, der spätere Ford Motorsport-Rennleiter, saß zusammen mit Hannelore Werner am Nürburgring an diesem Steuer. Allerdings dort zum 1000-Kilometer-Rennen als Prototyp mit May Turbo-Anlage (Startnummer 16 mit Kennzeichnung „P“). Leider sind sie ausgefallen.
Der Capri ging dann im Jahre 1971 in den Besitz von Michael May über, der ihn weiterhin mit seinem Turbolader in verschiedenen Rennen der damaligen Gruppe 5 einsetzte. Michael May bestätigte in einem Schreiben aus 1999, dass es sich um einen originalen1970er Werkscapri handelte. Auch unser CCD-Mitglied Willi Wilden konnte dieses 2014 bestätigen.
Der nächste Besitzer im Jahre 1973 war Holger Tapp, der ihn weiterhin in Rennen unter „Turbo-Tapp“ einsetzte. Es existiert noch die demontierte Heckklappe mit kleinem Heckspoiler und dem Schriftzug „Turbo Tapp“.
Eckhart Kern erwarb den Wagen schließlich 1999 und versetzte ihn wieder in den Ursprungszustand von 1970. Der Motor mit den Weslake-Zylinderköpfen wurde von Gert Brauneiser in Köln komplett neu aufgebaut, teils mit vorhandenen Teilen. Gert Brauneiser hat dafür rund ein halbes Jahr benötigt, weil auch viele weitere Teile beschafft werden mussten.
Dieser seltene 1970er Renncapri konnte nun nach einigen Rennen auf Ausstellungen bewundert werden. Es befindet sich nach Aussage von Eckhart Kern sogar noch der originale Rennschalensitz im Fahrzeug, auf dem Dieter Glemser und alle anderen Rennfahrer Platz genommen hatten. Das ist natürlich auch am Sitz zu erkennen, aber ein besonderes Sitzgefühl, das auch ich erleben durfte.
Im Übrigen hatte Eckhart Kern auch Kontakt zu Dieter Glemser aufgenommen, der den Capri auf der Techno Classica in Essen 2014 wiedererkannte. Es gab natürlich Autogramme von Dieter Glemser und dem ebenfalls anwesenden Jochen Mass auf der Fahrertür.
Ein toller Ausflug mit vielen neuen Sichtweisen. Mein besonderer Dank gilt daher Eckhart Kern und Gert Brauneiser für die vielen (Insider-) Informationen dieses Renncapri.
Werkscapri Baudatum März 1970
Motor:
2,4 Liter V6 (2397 ccm Hubraum), Weslake Alu-Zylinderköpfe, Kugelfischer Einspritzpumpe, Trockensumpfschmierung, 2-Scheiben Sintermetallkupplung
Leistung: circa 230 PS / 169 kW
Höchstgeschwindigkeit: circa 250 km/h.
Fahrwerk:
Vorderachse mit Schubstreben und einstellbarem Sturz, Felgen heutiger Zustand 9 x 13“ BBS, 1970 8“ x 13“ BBS. Hinterachse mit 4-Lenkern in Uniball und „Deichselführung“ zum Mitteltunnel, Felgen heutiger Zustand 11 x 13“ BBS, 1970: 10“ x 13“ BBS.
Bremsen:
Innenbelüftete ATE-Scheibenbremsen, 244 mm Durchmesser, 20 mm dick, mit „Schnellwechselfunktion“, Bremskraftverstärker mit Doppelmembran.
Karosse:
Leichtbau 880 Kilogramm, Hauben, Türen, Kotflügel aus GFK , Seiten- und Heckscheibe aus Plexiglas, Entfall von Stoßstangen, Mittelkonsole, ohne rechten Spiegel.
Tank:
circa 100 Liter Langstreckentank
Einsätze & Fahrer:
Monza, Budapest, Silverstone (Dieter Glemser)
Salzburgring, Brünn (Manfred Mohr)
Nürburgring (Hannelore Werner, Michael Kranefuß, Francois Mazet)
Bekannte Besitzer:
| 1970 | Ford Werkswagen |
| 1971 - 1973 | Michael May |
| 1973 | Holger Tapp |
| seit 1999 | Eckhart Kern |
Werkswagen 1970:
vermutlich mindestens drei Capri 2300 GT (zweimal mit kleinem Frontspoiler, einmal mit breiterem Frontspoiler)
Verwendete Kennzeichen, die Nummern wurden untereinander getauscht:
K – LN 674, K – HX 769, K – HK 768, K – LU 433, K – RD 440.
Alle Angaben aus Recherchen und Unterlagen von Eckhart Kern
Schön zu erkennen: „Deichselführung der Hinterachse“ zum Mitteltunnel.
Auf der Messe Techno Classica gab es 2014 in Essen ein Autogramm von Dieter Glemser an der Fahrertür und auch eine Sitzprobe. Die Freude über das Wiedersehen war spürbar.
Weitere Aufnahmen zum Ex-Werkscapri:
[Text: Manfred Borgert - Fotos: Manfred Borgert & Eckhard Kern]


























